Allgemeine Medizin

Experten fordern interdisziplinäre Schmerztherapie

Schmerzpatienten werden oft falsch behandelt – deshalb soll eine multiprofessionell abgestimmte Diagnostik her. Das Hauptziel: Schmerzen nicht chronisch werden lassen.

23.11.2020
Foto: Fotolia/Andrey Popov Foto: Fotolia/Andrey Popov
Dr. med. Tanja Schlereth

Priv.-Doz. Dr. med. Tanja Schlereth
Oberärztin Neurologie
DKD Helios Klinik
Wiesbaden



Schmerzen sind Fluch und Segen zugleich. Segensreich, weil sie uns vor gesundheitlichen Problemen warnen. Verflixt, weil sie manchmal chronisch werden und Patienten auf Dauer damit leben müssen.
Zu viele Medikamente, zu wenig Bewegungsanreize: Dass es hierzulande bei der Behandlung von Schmerzpatienten noch große Defizite gibt, darüber sind sich Experten einig. Und das zeigen auch erste Erfahrungen des im Jahre 2018 initiierten Projekts PAIN2020.

Behandlung am Bedarf vorbei

Doch wie sollte eine konzeptionelle Therapie idealerweise aussehen?
Die Versorgung von Schmerzpatienten ist nach Ansicht von Experten in Deutschland momentan unzureichend. „Die Erkrankten bekommen häufig zu wenig bedarfsgerechte Therapien“, kritisierte Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Ulrike Kaiser vom UniversitätsSchmerzCentrum am Universitätsklinikum Dresden Ende Oktober auf der Online-Pressekonferenz des Deutschen Schmerzkongresses 2020. Deutschland sei gar das Schlusslicht der interdisziplinären Schmerzmedizin. „Um eine individuelle Behandlung zu ermöglichen, ist es unbedingt erforderlich, dass geltende Leitlinien in der Schmerzmedizin auch adäquat umgesetzt werden. Das ist allerdings leider oft nicht der Fall“, kritisiert die Psychologin.
Ihrer Ansicht nach sollten diese Leitlinien unbedingt schon zu Beginn der Schmerzerkrankung möglichst genau auf den jeweiligen Bedarf eines Patienten zugeschnitten werden.

Versorgungslücken schließen

Zentrale Elemente in der Schmerztherapie sind – neben einer medizinisch professionellen und individuellen Begleitung – zielgerichtete Bewegungsangebote. „Häufig werden diese viel zu wenig und zu spät eingesetzt“, bemängelt Kaiser. „Neben medizinischen Aspekten und Aktivierungsangeboten sollten auch psychosoziale Faktoren frühzeitig in der Schmerztherapie Berücksichtigung finden“, so die Expertin. Man müsse die Patienten bio-psychosozial sehen, um ihn besser behandeln zu können.
Um die genannten Defizite in der Schmerztherapie zu beheben, wurde von der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und der Barmer 2018 das Projekt PAIN2020 ins Leben gerufen.
Dabei handelt es sich um ein deutschlandweit angelegtes Projekt, an dem aktuell 26 Einrichtungen aus zwölf Bundesländern aktiv mitwirken.
Passend zum diesjährigen Motto des Schmerzkongresses 2020 „Gleich und doch verschieden“ steht die interdisziplinäre Schmerztherapie bei dem Projekt PAIN2020 im Mittelpunkt. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Lücke in der Versorgung von Patienten mit Schmerzen und Chronifizierungsrisiko durch einen frühzeitigen interdisziplinären und diagnostischen Ansatz zu schließen“, erläutert Kaiser.

Multiprofessionelle Diagnosti

Bisher nahmen mehr als 600
Patientinnen und Patienten an dem Projekt teil. Alle Probanden erhalten im Zuge dessen eine multiprofessionelle Diagnostik, die sich aus drei wichtigen Bausteinen zusammensetzt: einer ärztlicher, einer physiotherapeutischen und einer psychologischen jeweils einstündigen Befundaufnahme, einer Teamsitzung aller beteiligten Fachbereiche und einem gemeinsamen Abschlussgespräch mit dem Patienten. „Hierbei beziehen wir den Schmerzpatienten aktiv ein“, erläutert die Expertin. „Die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten besprechen die Therapiebefunde sorgfältig mit den Betroffenen und stimmen die Versorgung anschließend auf die individuellen Bedürfnisse ab. Die Patienten schätzen das Abschlussgespräch sehr.“
Experten für Patienten besser vernetzen
Nach der multiprofessionellen Diagnostik ist es ihre Aufgabe, die Empfehlungen, die frühzeitig zu Beginn der Schmerzerkrankung mit einem Patienten erarbeitet wurden, umzusetzen.
Die bisherigen Erfahrungen aus PAIN2020 zeigen, dass Haus- und Fachärzten bei der Identifikation von Patienten mit Risikofaktoren für eine Chronifizierung ihrer Schmerzen eine große Bedeutung zukommt.
Das bedeutet, dass eine gezielte Vernetzung der Schmerzexperten verschiedener Fachbereichen essenziell für den Therapieerfolg ist. Ziel ist es, chronischen Schmerzen zu verhindern. Da dieser Ansatz teuer ist, sollte man sich auf die Patienten beschränken, die ihn wirklich brauchen.
(bibi)

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