Sport, Knochen und Gelenke

Langzeitbetreuung für Schwerverletzte!

Nicht immer kommt man bei einem Unfall mit einem einfachen Knochenbruch davon. Wer ein „Polytrauma“ hat, kann nicht sofort in die Reha starten und fällt in ein Versorgungsloch.

13.12.2020
Foto: Fotolia/Dan Race Foto: Fotolia/Dan Race

„Nicht rehafähig“ – so lautet das Urteil über viele Schwerverletzte nach ihrer Krankenhausbehandlung. Laut TraumaRegister DGU® werden über 60 Prozent der Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt nach Hause entlassen. Dabei sei die Kurzzeitpflege für die Fortsetzung der Akutbehandlung nicht geeignet, kritisiert Prof. Dr. Michal J. Raschke, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster. Die Rehabilitationsvorgaben erfüllten nur etwa 15 Prozent der Patienten. Dazu zähle beispielsweise, dass sich die Unfallverletzten ohne fremde Hilfe anziehen und essen können.

Problem Polytrauma

Bei vielen Schwerverletzten liegt jedoch ein sogenanntes Polytrauma vor: Das heißt, sie sind an mehreren Körperstellen gleichzeitig verletzt, etwa durch schwere Knochenbrüche, mindestens eine Verletzung davon oder die Kombination mehrerer war lebensgefährlich. Die Heilung dauert länger. Patienten sie entsprechend länger auf fremde Hilfe angewiesen. Immer wieder müssen sie nachoperiert werden und kämpfen auch mit psychologischen Folgen. So können sie die Reha-Vorgaben oft erst nach drei bis sechs Monaten erfüllen.
„Die Rehabilitation nach Polytrauma ist ein komplexer Prozess, der nicht mit der Nachbehandlung nach einem künstlichen Knie- oder Hüftgelenk zu vergleichen ist“, bestätigt auch DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig.
Daher müssten hier andere Kriterien gelten, die trotz Therapie- und Pflegebedürftigkeit eine möglichst früh einsetzende und nahtlose Rehabilitation ohne größere Unterbrechung ermöglichen. Denn setzen rehabilitative Bemühungen zu spät ein, verschlechtert sich die Chance, dass der Patient in ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit hoher Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit im Beruf zurückkehren kann.

Phasenmodell frühere Reha

Um die lückenlose Langzeitbetreuung zu verbessern, hat die DGU im Rahmen der Überarbeitung des Weißbuches Schwerverletztenversorgung das Phasenmodell Traumarehabilitation entwickelt. Zusätzliche Schritte in der Behandlungskette sollen die Lücke zwischen der Akutbehandlung in der Klinik und der klassischen Rehabilitation schließen.
„Das neue Phasenmodell ermöglicht eine frühe Rehabilitation, auch wenn der Patient intensiv therapiert und gepflegt werden muss“, sagt Dr. Stefan Simmel vom Arbeitskreis Traumarehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Zudem sieht es eine Langzeitbetreuung noch viele Jahre nach dem Unfall vor, damit die Patienten jederzeit eine Anlaufstelle haben, die sich mit ihrem langwierigen Genesungsprozess auskennt und schnell helfen kann. (red)