Gehirn, Psyche und Verhalten

Stärker als vor der Krise

Die Pandemie fordert allen Menschen auf der ganzen Welt einiges ab. Diese Opfer können unsere Gesellschaft aber auch stark machen. Es kommt ganz auf uns an.

23.08.2020
Foto: AdobeStock/Franz Pfluegl

Die Corona-Krise hat unser Leben von einem Tag auf den anderen rigoros verändert. Und auch wenn jetzt alle Zeichen auf Entspannung stehen: Die Unsicherheit bleibt, wie es mit der Pandemie weitergeht und ob weitere Infektionswellen drohen.
Neben den finanziellen und für viele Menschen existenziellen Fragen, zerfällt unsere Gesellschaft gerade in zwei Lager. Während die einen Verständnis für die Maßnahmen und Vertrauen in Politik und Wissenschaft haben, kämpfen andere auf der Straße gegen die Hygiene- und Abstandsregeln an und pochen auf ihre Bürgerrechte.

Hilfsbereitschaft und Wertschätzung

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) plädiert jedoch dafür, in der gegenwärtigen Ausnahmesituation zusammenzuhalten und mitmenschlich zu handeln. „In dieser Krise liegt auch eine Chance für unsere Gesellschaft“, erklärt Birgit Spinath, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. „Wir können gestärkt aus der Krise hervorgehen, wenn wir uns den Herausforderungen gemeinsam stellen.“
Aus sozialpsychologischer Sicht sind Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme bedeutsame Grundlagen für ein gutes Zusammenleben in der Krise. Viele Menschen zeigten und zeigen auf das Miteinander ausgerichtete Handlungen: etwa die organisierten Nachbarschaftshilfen, die in vielen Städten Deutschlands eingerichtet wurden, um zum Beispiel Einkäufe für ältere Menschen zu übernehmen. Es ist von großer Bedeutung, den Berufsgruppen öffentliche Anerkennung entgegenzubringen, die dafür sorgen, dass unser alltägliches Leben in Deutschland weitergehen kann – auch nach der Krise. Wie etwa im Gesundheitswesen, der Energiewirtschaft, bei der Müllabfuhr, der Polizei und der Feuerwehr.

Andere Kommunikationsformen finden

Aus der familienpsychologischen Forschung wissen wir, wie wichtig familiäre Kontakte in alle Richtungen sind. Großeltern, die zur Risikogruppe gehören, profitieren von den Kontakten zu ihren Enkelkindern, gleichzeitig sind die Großeltern oftmals auch wichtige Bezugspersonen für ihre Enkelkinder. Auch wenn die persönlichen Kontakte zwischen Großeltern, Kindern und Enkelkindern trotz der Lockerungen noch wieder uneingeschränkt stattfinden können, gibt es Möglichkeiten, einander Unterstützung zu geben. Videotelefonie, soziale Medien, oder – wo die älteren Menschen die neue Technik nicht beherrschen – ganz klassisch durch gegenseitiges Briefeschreiben und Telefonieren.
Eltern standen und stehen zum Teil noch unter dem Druck, im oftmals improvisierten Homeoffice ihre Arbeitsaufgaben zu erledigen. Während einer Quarantäne müssen parallel noch die Schularbeiten ihrer Kinder betreut und der Haushalt organisiert werden. Konflikte, die sich aus der auferlegten Isolation ergebenden, nehmen Dynamiken an, die es emotional auszubalancieren gilt. Daran angepasste und mit dem Arbeitgeber klar definierte Aufgaben, Ziele und Regeln für die Telearbeit würden helfen, besser mit der Situation klarzukommen, sagt Professor Conny H. Antoni, Arbeitspsychologe und Vorsitzender des Fakultätentages Psychologie.

Feste Strukturen schaffen, Ängste ernst nehmen

Gerade wenn im Außen vieles ungewiss ist, können feste Strukturen helfen, sich besser mit der Situation zu arrangieren. Familien, Alleinstehende und Menschen ohne Arbeit brauchen daher feste Tagesabläufe, die Halt in Zeiten der Ungewissheit geben: Wo möglich gemeinsame Mahlzeiten, gegenseitiger Austausch, klare Absprachen geben, wann wer beruflich arbeitet und wann jeder Zeit für sich allein nutzen kann. Auch wenn soziale Medien und Computer es erlauben, den Kontakt mit Freunden und Verwandten zu halten, sollten ihre Nutzung – gerade bei Kindern und Jugendlichen – nicht Überhand nehmen. Auch Sport und Bewegung sollten nicht zu kurz kommen.
Wichtig: Die Ängste im Kreise der Verwandten und Freunde aussprechen. Das hilft, mit der aktuellen Situation besser umzugehen. Wer anderen Menschen, denen man im Alltag begegnet, aus der Distanz ein Lächeln schenkt, tut sich selbst und den anderen einen Gefallen. Denn Lächeln aktiviert Hirnareale, die für Ihr Wohlbefinden sorgen und vermittelt dem Gegenüber ein Gefühl von Solidarität – ein hohes Gut, auf das unsere Gemeinschaft auch nach der Krise angewiesen sein wird und sie stärker machen kann als zuvor. Es liegt an uns allen, ob das gelingt. (red)