Gehirn, Psyche und Verhalten

Schock-Diagnose Glioblastom!

Mitte Juli fand zum ersten Mal der Deutsche Glioblastomtag statt. In einem Lesertelefon erklärten Experten, wie aggressive Hirntumoren heute behandelt werden können.

05.10.2020
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„Sie haben einen Gehirntumor“, Sandra Kauer* erinnert sich noch wie heute an diesen Satz, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Einen gefährlichen Feind im Zentrum ihres Denkens und Handelns zu haben, einen, der vielleicht tödlich ist, dieser Gedanke war für die Reiseverkehrsfrau zunächst das Schlimmste.
Doch das eigentlich Gefährliche an diesem Gehirntumor war, dass es sich dabei um ein Glioblastom handelte. Unter all den unterschiedlichen Arten von Gehirntumoren nimmt es eine Sonderstellung ein: Der Tumor wächst oft sehr schnell und gilt als besonders aggressiv. Meist liegen zwischen dem Auftreten der ersten Symptome, wie Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen, und der Diagnose nur ein paar Wochen oder Monate.

Diagnose sichern

Sandra hatte Glück. Sie ging bei den ersten Anzeichen sofort zum Arzt. „Ich hatte bis dahin nie Kopfschmerzen gehabt. Deshalb habe ich dieses Symptom sehr ernst genommen.“
Das war genau richtig. Denn das schnelle Wachstum des Tumors erfordert ein ebenso schnelles und entschiedenes Handeln, um die unkontrollierte Teilung der Tumorzellen einzudämmen. Eine Magnetresonanztomographie – kurz MRT – zeigte, wo genau der Tumor sich befand, wie gut er sich operativ entfernen lässt und wie weit er sich erkennbar in das umgebende Gewebe ausgebreitet hat. „Das MRT gibt wertvolle Informationen über Größe, Lokalisation und Wachstumsverhalten eines bösartigen Hirntumors und ermöglicht die anatomische Zuordnung zu funktionsrelevanten Hirnarealen und Bahnsystemen“, erklärt Prof. Dr. med. Niklas Thon im Rahmen eines Lesertelefons. Dieses wurde Mitte Juli von der Patientenbewegung yeswecan!cer und dem Deutschen Innovationsbündnis Krebs & Gehirn organisiert. „Letztlich basiert die Diagnose auf einer feingeweblichen und molekular-genetischen Untersuchung des Tumorgewebes selbst. Dazu genügen bereits kleinste Gewebeproben“, so Thon.

Individuelle Therapieschritte

Danach folgt die Operation und im Anschluss daran eine kombinierte oder einzelne Chemo- und/oder Bestrahlungstherapie. Bei der Operation kommt es darauf an, den Tumor möglichst komplett zu entfernen. Prof. Thon: „Die Operation dient sowohl der Sicherung und Präzisierung der Diagnose, da das Tumorgewebe histologisch und molekular untersucht wird, als auch als therapeutischer Schritt.“
Nach der Operation folgt entweder eine Strahlen- oder Chemotherapie oder aber eine Kombination aus beiden. Das hängt vom Allgemeinzustand des Patienten ab. Ziel ist es, ein weiteres Tumorwachstum lokal einzudämmen bzw. ganz zu stoppen. Die Chemotherapie wird dabei als Erhaltungstherapie über das Ende der Strahlentherapie hinaus fortgeführt.

Therapiespektrum erweitert

Eine weitere Behandlungsmethode für Patientinnen und Patienten mit Glioblastom sind Tumor Treating Fields – kurz TTFields. Dabei erzeugt ein tragbares Gerät elektrische Wechselfelder von niedriger Intensität. Sie können die Tumorzellteilung verlangsamen oder stoppen. „Ziel ist es, sich teilende Tumorzellen durch lokale Wechselstromfelder abzutöten. Das umgebende gesunde Hirngewebe bleibt hiervon verschont, sodass nur wenige Nebenwirkungen, wie zum Beispiel eine Irritation der Kopfhaut, auftreten. Insbesondere kommt es zu keiner Häufung von Krampfanfällen“, führt Prof. Thon aus.
In der Regel wird die Behandlung im Anschluss an die Operation, Strahlen- und Chemotherapie zusammen mit der Erhaltungschemotherapie eingesetzt. Sie kann von den Patienten ambulant zu Hause durchgeführt werden.
Die gute Nachricht: Im März dieses Jahres hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) beschlossen, TTFields als Erstlinientherapie zusätzlich zur derzeitigen Standardbehandlung in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. (red)

*Name von der Redaktion geändert.

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