Gehirn, Psyche und Verhalten

„Man klammert sich an jeden Strohhalm“

Am 30. Mai war Welt-MS-Tag. Erinnerungsmoment für eine Krankheit, die bislang unheilbar ist. Aber Leone Acerenza aus Ober-Olm hofft weiter und will anderen Betroffenen helfen.

22.07.2019

Wenn die Hölle eine Hausnummer hätte, dann wäre es für Leone Acerenza wohl die 2007. Denn genau in diesem Jahr bekam der heute 50-Jährige die Schockdiagnose MS – Multiple Sklerose. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen. Eine lange Zeit, wenn man das Grauen stets vor Augen hat, weil sich die Markscheiden – die Hüllen der Nervenzellen – in Rückenmark und Gehirn langsam auflösen. Wenn man sich von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie hangelt und mit den starken Nebenwirkungen der Medikamente kämpfen muss. Und es trotzdem nicht besser wird. „Es“, das ist ein ganzes Bündel an Symptomen, die – jedes für sich genommen – schwer zu ertragen sind: Schwindel, Taubheit und Kribbeln in den Händen, Sehstörungen und ständiges Unwohlsein. Und mit jedem Schub verschlechtert sich diese Situation einmal mehr. Kein Wunder, dass der lebensfrohe gebürtige Italiener anfangs mit Depressionen zu kämpfen hatte. „Davor stand ich mitten im Leben und habe in meinem Beruf alles gegeben.“

Der Kreislauf der Krankheit

Mal ruhen die Entzündungen in seinem Körper, dann flammen sie wieder auf. Alle drei Monate hatte Acerenza anfangs einen dieser gefürchteten Schübe. Dann musste er drei Monate ins Krankenhaus, bekam hoch dosiertes Kortison. Kaum hatte er sich von den Nebenwirkungen erholt, folgte der nächste Schub. Danach kurz durchatmen, die Medikamente verdauen, sich erholen. Engmaschige Bluttests. „Ich war eigentlich nur noch damit beschäftigt, die Krankheit in Schach zu halten und die Folgen der Therapie wegzustecken. An ein normales Arbeiten oder ein Familienleben war nicht mehr zu denken.“ Mit jedem Schub kam etwas Neues, Unerfreuliches hinzu. Manches bildete sich zurück, anderes blieb, wie seine Spastik im linken Bein.

Weniger Stress, weniger Schübe

Insgesamt sieben Medikamente probierte er aus. Eines war sogar lebensgefährlich, wie sich später herausstellte. Ein Fehler der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Er überlebte es und suchte weiter nach der richtigen Therapie. „Nahrungsergänzungsmittel, Ernährungsumstellung, Naturmedizin – ich habe alles ausprobiert. Man klammert sich an jeden Strohhalm.“ Seine Erkenntnis aus diesem Behandlungsmarathon: Es bringt nichts, die Therapie zu wechseln.
Seit zwei Jahren nun ist Acerenza berufsunfähig. Doch genau das brachte bei ihm die Wende. Der Stress, trotz der Erkrankung seine Leistung bringen zu müssen, ist weg. Heute möchte er anderen Betroffenen helfen. „Ich möchte meine Erfahrungen aus den zurückliegenden zwölf Jahren im persönlichen Austausch weitergeben.“ Deshalb hat er nun seine private Initiative „Erfahrungen mit MS“ gegründet. Er weiß aber auch: „Am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden.“ (bibi)

Kontakt
www.erfahrungen-mit-ms.de
www.facebook.com/ErfahrungenmitMS
E-Mail: leo.acerenza@gmx.de

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