Gehirn, Psyche und Verhalten

Doppeldepression schneller erkennen

Wenn es im Job nicht läuft, drohen Verstimmungen oder gar Schwermut, Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Doch woran erkennt man, wenn jetzt noch eine echte Depression dazukommt?

03.11.2020
Wenn überall nur Leere ist.   Foto: AdobeStock/stokkete Wenn überall nur Leere ist. Foto: AdobeStock/stokkete

Depressive Symptome und Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Leiden. Auslöser können Angst um den Job sein, Ärger mit Kollegen oder eine Arbeit, die unter- oder überfordert. Etwa vier bis fünf Millionen Menschen leiden darunter.
Doch nicht immer sind die Beschwerden gleich schwer: An die 20 bis 25 Prozent aller Betroffenen leiden unter einer weniger prägnanten Form der Schwermut, der „Dysthymie“. Diese beginnt meist schon im jungen Erwachsenenalter. Frauen sind generell rund doppelt so häufig betroffen wie Männer. Aber auch biologische Faktoren, wie Hirnstoffwechselstörungen und psychosoziale Momente, z. B. Jobverlust, private Trennung etc. spielen eine Rolle.

Meist unentdeckt

„Die typischen Symptome – unter anderem Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung – gleichen zwar denen einer Depression, sind aber weitaus schwächer ausgeprägt“, erläutert Dr. Andreas Hagemann, Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen.
Trotz meist weiterer Beschwerden, wie etwa Appetitlosigkeit oder Schlaf- und Konzentrationsstörungen, schaffen es die Betroffenen in der Regel, den Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Vielfach nehmen sie deshalb auch keine fachärztliche Hilfe in Anspruch. „Ihre Erkrankung bleibt somit oft jahrelang unbehandelt – und das trotz vielversprechender Behandlungserfolge“, berichtet der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. „Studien zeigen, dass die Kombination von Psychotherapie und Antidepressiva bei drei von vier Patienten anspricht.“
Fatal wird es, wenn zu der chronischen Niedergeschlagenheit eine depressive Episode hinzukommt (beispielsweise durch einen Jobverlust oder andere einschneidende Ereignisse) und somit buchstäblich eine „Doppeldepression“ entsteht. „Diese ist zwar sehr selten“, betont Dr. Hagemann, „aber für Betroffene äußerst belastend.“ Vielfach ist es ihnen zum Beispiel unmöglich, morgens früh aufzustehen. „Sie isolieren sich oft völlig und sind nicht mehr in der Lage, ihrem Berufs- oder Privatleben nachzukommen“, berichtet der Experte.

Multimodale Therapieansätze

Wirksame Hilfe bieten kann in diesen schwerwiegenden psychischen Phasen eine fachlich qualifizierte Psychotherapie und zusätzliche medikamentöse Unterstützung. Bewährt haben sich insbesondere intensive multimodale Therapiemethoden mit verschiedenen verbalen, nonverbalen und medikamentösen sowie soziotherapeutischen Ansätzen. „Am besten untersucht sind Behandlungen mit der kognitiven Verhaltenstherapie“, so Dr. Hagemann.
Wichtig ist zudem eine intensive Aufklärung der Betroffenen. „Dadurch verstehen sie, was die Erkrankung ist, was sie bedeutet und welche Möglichkeiten der Behandlung existieren“, erläutert der Facharzt. „Diese Vielzahl an Methoden hilft ihnen, sich selbst und ihre Umwelt positiver wahrzunehmen und Verständnis für sich und ihre Erkrankung zu bekommen sowie erneute Symptome schneller erkennen zu können.“ Doch viele Erkrankte zögern trotz einer Verschlechterung die dringend erforderliche Behandlung hinaus. „Meist jahrelang an die Symptome gewöhnt, nehmen sie die akute Verschlechterung ihrer Beschwerden vielfach als „natürliche“ Entwicklung wahr“, erläutert Dr. Hagemann.
Verhindern lässt sich eine Doppeldepression – wenn überhaupt – nur durch eine frühzeitige Behandlung der vorausgehenden Dysthymie. Je früher der Therapeut bzw. Facharzt konsultiert wird, desto kürzer die Erkrankung und umso effektiver die Ergebnisse. (red)