Augen, Nase und Ohren

„Wir haben noch nicht alles verstanden“

Hörforscher Dr. Jan Rennies-Hochmuth wurde kürzlich mit dem „Klaus Tschira Boost Fund“ ausgezeichnet. Bianca Lorenz sprach mit ihm über Sprachverständlichkeit, Störfaktoren und die Ziele des Projekts „Besser Hören für alle“.

21.11.2019
Dr. Jan Rennies-Hochmuth vom Fraunhofer-Institut für digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg hat Engineering Physics studiert und sich später auf Hörakustik spezialisiert.   Foto: idmt/Fraunhofer Dr. Jan Rennies-Hochmuth vom Fraunhofer-Institut für digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg hat Engineering Physics studiert und sich später auf Hörakustik spezialisiert. Foto: idmt/Fraunhofer

Herr Dr. Rennies-Hochmuth, wie kamen Sie auf die Idee „Hearing4All“?
Das war eine der Gründungsideen der Fraunhofer-Gruppe in Oldenburg – ein Top-Standort der Hörforschung – im Jahre 2008. Wir wussten immer, dass man mit der Hörtechnologie noch so viel mehr machen kann als gute Hörgeräte. Man denke nur an die Bahnhofsdurchsagen. Von Verbesserungen hier könnten nicht nur Menschen mit einem Hörverlust profitieren. Die Arbeits-Gruppe, die ich seit 2012 leite, heißt „Persönliche Hörsysteme“ und da geht es um genau dieses Thema: Hörverbesserung für jeden erreichen.

Was genau untersuchen Sie im Rahmen Ihrer Forschungsarbeiten?
Das Förderprogramm „Boost Fund“ ermöglicht mir, gleichzeitig auch Grundlagenforschung zu betreiben. Wir wissen zum Beispiel noch immer nicht genau, warum wir in manchen Situationen Sprache besonders gut oder schlecht verstehen. Das Gute ist: Sprachverständlichkeit ist eine Messgröße, die wir in der Hörakustik bzw. der Audiologie erfassen können. Wir können zum Beispiel Tests mit Probanden machen, etwa indem wir ihnen Sprache vorspielen, und die Leute dann wiederholen oder unter verschiedenen Alternativen auswählen lassen, was sie gerade verstanden haben. Wir werten dann aus, wie viel Prozent der Wörter richtig waren oder wie viel Rauschen man gerade noch dazugeben darf, bis man nichts mehr versteht.
Durch den Boost Fund kann ich solche Messungen nun durchführen und bestimmte Parameter ganz systematisch variieren und auswerten. Zum Beispiel manipulieren ich die Stärke von Echos von völlig abwesend bis untolerierbar stark. Und dadurch, dass ich diesen Test immer wieder wiederhole, kann ich erforschen, wie sich das auf die Sprachverständlichkeit auswirkt.
Das ist erst einmal eine interessante, grundlegende Information, die die Sprachverständlichkeit noch nicht besser macht, aber natürlich kann man daraus später Technologien entwickeln, die einer Verschlechterung der Sprachverständlichkeit vorbeugen können. Zum Beispiel weiß man dann, wie man einen Raum designen muss, damit solche Sprachverständigungsprobleme gar nicht erst auftreten.

Welche störenden Faktoren beeinträchtigen denn unsere Kommunikation?
Da gibt es natürlich ganz viele Faktoren. Nachhall oder die Nebengeräusche sind ganz wesentlich für das Sprachverstehen. Wenn ich z. B. in einem ganz ruhigen Flughafen wäre, könnte ich die Durchsagen wahrscheinlich verstehen, auch wenn sie stark verhallt wäre, aber zusammen mit den vielen Nebengeräuschen ist das natürlich nicht möglich. Aber auch die Übertragungsqualität spielt eine Rolle.
Dann gibt es auch viele Faktoren, die individuell sind, eben wenn ich schwerhörend bin. Es ist ja bekannt, dass Schwerhörende nicht nur bei den klassischen Hörtests schlechter abschneiden, sondern insgesamt, wenn die Situation komplexer wird, wenn ich also viele Schallquellen habe, die im Raum verteilt und zudem verhallt sind. Das sind auch die Situationen, in denen Betroffene überhaupt zum ersten Mal bemerken, dass sie ein Hörproblem haben könnten, was in einem Gespräch 1:1 in Ruhe noch nicht der Fall ist.

Aber es gibt ja bereits technische Lösungen zum Ausblenden dieser Störgeräusche. Genügen die nicht?
Die aktuellen Hörgeräte sind schon sehr gut. Aber das sogenannte „Cocktail-Party-Problem“ ist noch nicht gelöst. Und das ist das Problem Nummer eins für Menschen mit einem Hörgerät. Wir haben aber auch die Leute im Fokus, die noch gar kein Hörgerät tragen. Und selbst Normalhörende Menschen würden in schwierigen Hörsituationen von technischer Hörunterstützung profitieren. Deshalb genügt es uns nicht zu sagen, moderne Hörgeräte sind schon ganz gut und deshalb brauchen wir hier nicht weiter zu forschen. Zum Beispiel forschen wir an Lösungen für besseres Sprachverstehen beim Fernsehschauen, mit denen der Tonmeister direkt messen kann, wie viel Nebengeräusche der Tatort-Dialog verträgt, bevor es unverständlich wird, so dass es später gar nicht erst zu Beschwerden über schlechte Verständlichkeit kommt. Auch Kommunikation am Arbeitsplatz ist ein wichtiges Thema. Hier zielen unsere Lösungen unter anderem auf CallCenter-Mitarbeiter ab, die häufig in sehr lauten Umgebungen mit vielen Gesprächen telefonieren müssen und dadurch häufig sehr ermüdet und gestresst sind.
Für solche Lösungen müssen wir verstehen, wie das Gehör funktioniert. Binaurales Hören zum Beispiel, das Hören mit zwei Ohren, ist ganz wichtig. Dabei nutzen wir aus, dass Geräusche aus unterschiedlichen Richtungen an beiden Ohren ganz unterschiedlich ankommen. Am näheren Ohr sind sie etwas lauter und auch etwas früher da als am abgewandten Ohr. Und wenn dann eine Quelle, der ich zuhören möchte, andere binaurale Parameter hat als die Quelle, die ich nicht hören möchte, dann kann ich das nutzen, um die Quellen quasi im Kopf zu trennen. Das ist auch eine wichtige Fähigkeit, die wir noch nicht genau verstanden haben. Warum können Menschen, wenn zwei Leute gleichzeitig reden, bewusst weghören, ohne den Kopf zu drehen? Das ist also eine Sache, die im Kopf passiert und wir haben noch nicht genau verstanden, woher das eigentlich kommt.

Von der Forschung zum Produkt ist es meist ein langer Weg. Wie wollen Sie Ihr Ziel „Hören für alle“ erreichen?
Das, was ich im Rahmen meiner Forschungen der nächsten zwei Jahre herausfinden werde, wird sicher noch nicht in zwei Jahren zu einem Produkt führen. Doch die Antworten auf die o. g. Fragestellungen können wir im Anschluss daran benutzen, um unsere Algorithmen, die wir bisher für Normalhörende gebaut haben – etwa für die Verbesserung von Durchsagen oder Telefonsprache – entsprechend zu optimieren. Hier können wir als Fraunhofer-Institut (für angewandte Forschung) helfen. Unser Ziel ist es ja genau diese Lücke zwischen Forschung und Anwendung schließen. Wir helfen Firmen dabei die letzten Entwicklungsschritte und Praxistests durchzuführen und bringen auch völlig neue Ideen für Produkte oder Features in den Markt. Das ist die Basis dafür neue Produkte zu entwickeln, die vielen Menschen helfen. Das ist das Ziel.

Vielen Dank für das Gespräch!

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