Alters- und Palliativmedizin

Tumorschmerzen nicht hinnehmen

Krebs kommt auf leisen Sohlen, doch später kann er ziemlich wehtun. Noch zu selten bekommen Betroffene eine adäquate Therapie.

06.11.2019
Aus dem Saft der Schlafmohnfrucht wird Opium gewonnen, das man erfolgreich in der Schmerztherapie einsetzt.  Foto: AdobeStock/Miroslav Beneda Aus dem Saft der Schlafmohnfrucht wird Opium gewonnen, das man erfolgreich in der Schmerztherapie einsetzt. Foto: AdobeStock/Miroslav Beneda

Menschen mit Krebs leiden häufig unter Schmerzen, vor allem im Spätstadium der Erkrankung. Leider werden diese Dauer- oder Durchbruchschmerzen oft zu wenig oder gar falsch behandelt. Das ergab die letzte große Online-Befragung der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e. V. und der Deutschen Schmerzliga (DSL) e. V. („PraxisUmfrage Tumorschmerz“, Ende 2017) unter mehreren tausend Betroffenen.
Dabei sei eine effektive Schmerztherapie für die betroffenen Patienten eine wesentliche Voraussetzung, um am alltäglichen Leben mit einer befriedigenden Lebensqualität teilhaben zu können, erläuterte PD Dr. med. Michael A. Überall, Präsident der DSL, Vizepräsident der DGS, auf der dazu anberaumten Pressekonferenz in Mannheim.

Akute Schmerzattacken vermeiden

Die Analyse der Daten zeigt, dass ein Großteil der 3707 Befragten neben Dauerschmerzen zusätzlich unter akuten Schmerzattacken leidet. Laut Überall könnten diese bei einem Drittel dieser Patienten vermieden werden. Und zwar allein durch eine Optimierung der Dauerschmerztherapie, wie etwa durch eine Dosisanpassung der Schmerzmedikamente, eine Änderung von Einzeldosis und des Dosierungsintervalls oder durch die Ergänzung einer spezifischen Therapie mit Co-Analgetika bei neuropathischen Schmerzen.
Bei den übrigen zwei Dritteln der Patienten wäre aus Sicht der Schmerzmediziner eine spezifische Notfall-/Rescue-Therapie sinnvoll, die jedoch nur weniger als ein Drittel bekommen. Und davon erhielten wiederum nur etwas mehr als ein Drittel eine Therapie mit einem stark wirksamen Opioidanalgetikum – dem nach Ansicht vieler Schmerzexperten einzig sinnvollen Therapiekonzept zur Behandlung dieser speziellen Schmerzform.

Schmerzen werden oft verharmlost

Auch der Schmerz- und Palliativmediziner Dr. med. Johannes Horlemann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und Erstautor der DGS-PraxisLeitlinie „Tumorschmerz“ betonte: „Trotz umfangreicher Aufklärungsmaßnahmen, widmet sich im praktischen Alltag unverändert der Großteil der ärztlichen Bemühungen den onkologischen Therapieansätzen, während die viele Betroffene stark beeinträchtigenden Schmerzen als Folgeerscheinung der Tumorerkrankung verharmlost werden. Die damit einhergehenden Einschränkungen auf die Teilhabe am alltäglichen Leben bzw. die Lebensqualität der Patienten müssen sehr viel ernster genommen werden als wir das aktuell erleben.“

Bei Ausbildung stärker berücksichtigen

Die Ergebnisse sollten Anlass sein, die schmerzmedizinische Ausbildung stärker in den Vordergrund zu rücken. Die Bedeutung einer ausreichenden, individualisierten schmerzmedizinischen Versorgung von Tumorpatienten mit Dauer- und Durchbruchschmerzen, gerade in Bezug auf Alltagsfunktionalität und Lebensqualität, muss noch stärker verdeutlicht werden. (red)