Alters- und Palliativmedizin

Sterbefasten – Verzicht am Lebensende

Unerträgliche Schmerzen und aussichtslose Behandlungen bringen manche Menschen dazu, das unvermeidliche Ende selbstbestimmt zu beschleunigen. Eine legale Methode macht besonders von sich reden.

01.01.2020
Wer diesen Weg gehen will, sollte in guten Händen sein.  Foto: Fotolia / 101530 Wer diesen Weg gehen will, sollte in guten Händen sein. Foto: Fotolia / 101530

Solange wir leben, scheint der Tod weit weg zu sein. Selbst viele Schwerkranke wollen sich nur selten offen mit diesem Thema auseinandersetzen. Vielleicht weil das Undenkbare immer noch unerklärlich bleibt. Während wir mit unseren hochtechnisierten Möglichkeiten der Medizin die Entstehung des Menschen ab der Zeugung bis ins kleinste Detail verstanden haben, bleibt uns der Blick ins Reich des Todes weiterhin verschlossen. Schließlich ist noch niemand aus dem Jenseits zurückgekehrt. Nur eines steht fest: Sterben müssen wir alle eines Tages – die einen früher, die anderen später.

Abschied in Würde

Doch darüber, was ein „guter Tod“ ist, gehen die Meinungen auseinander, weiß auch die Rechtsmedizinerin Prof. Dr. med. univ. Kathrin Yen.
So gebe es viele Menschen, die sich einen schnellen Tod wünschten, insbesondere ohne langes Leiden oder Siechtum, andere hofften, sich besser darauf vorbereiten und von den Liebsten Abschied nehmen zu können.
Die Mehrheit derjenigen, die keine Heilung mehr zu erwarten haben, möchte ihr Leben aber in Würde beenden. Das bedeutet, die letzten Wochen und Tage frei von Angst, Schmerzen, Übelkeit und Atemnot in einem vertrauten oder behaglichen Umfeld zu verbringen. Umgeben von Angehörigen, Freunden und einem Pflegepersonal, das die nötige Unterstützung, Zeit und Sensibilität für die Bedürfnisse des Sterbenden mitbringt.
Dieser Gegenentwurf zum Bild der Maximalversorgung in einem Klinikbetrieb schlägt sich auch in der wachsenden Anzahl von Patientenverfügungen nieder, in denen viele Menschen diese Apparatemedizin am Lebensende ablehnen.

Verzicht auf Essen und Trinken

Aber auch die Diskussionen über aktive und passive Sterbehilfe ebben nicht ab. Weil erstere hierzulande weiter verboten bleibt, wuchs in letzter Zeit das Interesse an einer seit Jahrtausenden praktizierten und natürlichen Form des selbstbestimmten Ablebens: dem Sterbefasten. Viele Bücher beschäftigen sich mit den näheren Umständen, dem Für und Wider und mit dem Ablauf des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit, kurz FVNF. Zum Beispiel „Ich sterbe, wie ich will. Meine Entscheidung zum Sterbefasten“ von Sabine Mehne, „Ich will selbstbestimmt sterben“ von Frauke Luckwaldt oder „Ausweg am Lebensende. Sterbefasten – Selbstbestimmtes Sterben durch Verzicht auf Essen und Trinken“ von Boudewijn Chabot und Christian Walther.
Wer je Menschen bis zum Tod begleitet hat, weiß, dass diese in den letzten Tagen meist freiwillig auf Essen und Trinken verzichten, in der Regel nach Absprache mit den Angehörigen und dem Hausarzt.

Stadien des Sterbens

Beim Sterbefasten stirbt man letztlich an einer Dehydration. Das heißt, dem Körper und seinen Organen wird sukzessive das Wasser entzogen, was ihre Funktion stark einschränkt und irgendwann unmöglich macht. Dieser Prozess dauert jedoch nicht lange. In der Regel zehn Tage.
Durst ist jedoch ein quälendes Gefühl, das niemand länger als ein paar Stunden ertragen kann und sollte. Deshalb ist in der gesamten Zeit des FVNF die regelmäßige Mundpflege sehr wichtig. Sprays, Eiswürfel oder getränkte Wattemundstäbchen bringen dem Sterbenden Erleichterung. Auf diese Art nimmt er rund 50 ml Flüssigkeit pro Tag zu sich. Genug, um keinen Durst zu empfinden, aber zu wenig, um mehr als diese zirka zehn Tage weiterzuleben.
Mit jedem Tag wird der Sterbende nun schwächer, manchmal auch reizbarer oder verwirrter. Viele verbringen die restliche Zeit daher im Bett. In den letzten Tagen fallen sie in einen Dämmerzustand. Eine höhere Dosis an Schmerz- und Beruhigungsmitteln kann jetzt hilfreich sein. Ein sanfter Übergang bis zum Tod. (bibi)