Alters- und Palliativmedizin

Schlaganfall-Folgen lindern

Er kommt scheinbar aus heiterem Himmel, kann aber gravierende Folgen haben. Wer einen Schlaganfall überlebt, muss manchmal wieder ganz von vorn anfangen. Doch es gibt Hilfe.

23.05.2021
Foto: Fotolia/sudok1 Foto: Fotolia/sudok1

Wer einen Schlaganfall überlebt, muss mitunter gegen Lähmungen, Sprach- und Sehstörungen kämpfen. Ziel einer Schlaganfalltherapie ist es, diese Dinge wieder neu zu lernen. Dafür muss das Gehirn verloren gegangene, neuronale Verbindungen ersetzen und neue Netzwerke knüpfen.
Das Forschungsprojekt „ConnectToBrain“, an dem Mediziner aus Tübingen, Finnland und Italien arbeiten, soll dabei helfen, diese Prozesse zu beschleunigen.

Gehirn anregen

Das Gehirn arbeitet im Wesentlichen elektrisch; seine Aktivität lässt sich daher über elektrische oder magnetische Impulse beeinflussen. Dass dies sogar durch die geschlossene Schädeldecke hindurch funktioniert, macht sich die sogenannte transkranielle Magnetstimulation (TMS) zunutze: Eine auf der Kopfhaut liegende Magnetspule regt durch das Schädeldach hindurch die darunter-liegenden Bereiche der Großhirnrinde an und verändert deren Aktivität. „Dieses Prinzip wird bislang hauptsächlich zu Forschungs- und Diagnosezwecken eingesetzt“, sagt der Tübinger Projektleiter Professor. Dr. med. Ulf Ziemann. Dabei werde in der Regel das Magnetfeld einer einzigen Spule auf einen bestimmten Ort der Großhirnrinde gerichtet, um dessen Funktion zu analysieren. Sein Team möchte die TMS nun gemeinsam mit den europäischen Partnern ausbauen, verfeinern und für die Schlaganfallbehandlung nutzbar machen.

Netzwerkarbeit unterstützen

Von einem Schlaganfall behalten die Betroffenen in vielen Fällen Lähmungen, Sprachstörungen oder andere Einschränkungen zurück – je nachdem, in welchem Bereich das Gehirn geschädigt wurde. „Diese Ausfälle lassen sich als Netzwerkerkrankung verstehen, die sich nicht nur am Ort der Schädigung bemerkbar macht, sondern in allen Gehirnregionen, die damit in Verbindung stehen“, sagt Ziemann. Daraus ergebe sich die Herausforderung, teilweise weit voneinander entfernte Gehirnbereiche in eine mögliche Stimulationstherapie einzubeziehen, um so ihre Verbindungen zu beeinflussen und neuronale Reorganisationsprozesse zu unterstützen.
Der im Rahmen von ConnectToBrain entwickelte Helm soll daher bis zu 50 Spulen enthalten, deren überlappende Felder die gesamte Großhirnrinde abdecken. „Damit kann gezielt, schmerzfrei und nicht-invasiv jeder Ort der Großhirnrinde stimuliert werden“, so Ziemann.
Die Stimulation findet nicht nach einem festgelegten Protokoll statt, sondern berücksichtigt die aktuelle neuronale Aktivität (Closed-Loop-Ansatz). „In Studien konnten wir zeigen, dass der therapeutische Effekt der Stimulation größer ist, wenn eine Netzwerkverbindung ohnehin schon aktiv ist“, erläutert der Tübinger Wissenschaftler. Auch andere Hirnnetzwerkerkrankungen wie Alzheimer oder Depressionen könnten sich über den neu entwickelten Helm positiv beeinflussen lassen. (red)