Allgemeine Medizin

Opioide: Wann sie helfen, wann sie schaden

Für Patienten mit chronischen Schmerzen sind sie die Retter in der Not. Doch ihr Gebrauch sollte kritisch überwacht werden. Sonst schaden die Medikamente mehr als sie nutzen.

18.12.2020
Opium: Schmerzmittel mit Suchtpotenzial.  Foto: AdobeStock/Miroslav Beneda Opium: Schmerzmittel mit Suchtpotenzial. Foto: AdobeStock/Miroslav Beneda
Dr. med. Tanja Schlereth

Priv.-Doz. Dr. med. Tanja Schlereth
Oberärztin Neurologie
DKD Helios Klinik
Wiesbaden



Opioide, die Wirkstoffe aus dem Schlafmohn, gehören zu den stärksten und effektivsten Schmerzmitteln. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Denn bei längerer Einnahme steigt das Suchtpotenzial. Dann verlieren Dosierungen ihre Wirkung. Betroffene müssen immer mehr und mehr einnehmen, um einen Effekt zu spüren. Ein Teufelskreis!
Unlängst machte die USA durch eine Opioidkrise von sich reden. Denn dort sind schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen von medizinisch verordneten Schmerzmitteln mit Opioiden abhängig. Allein im Jahr 2018 registrierte man rund 46.000 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Überdosis. Etwa ein Drittel davon durch medizinisch verordnete Opioide.

Nicht tumorbedingte Schmerzen

Weltweit gehört Deutschland zu den Ländern mit den meisten Opioidverordnungen – rund 70 Prozent davon aufgrund von chronischen, nicht tumorbedingten Schmerzen (CNTS). Dennoch liegt in Deutschland keine Opioidkrise vor, gaben Experten auf der Online-Pressekonferenz zum Deutschen Schmerzkongress 2020 Ende Oktober Entwarnung. Gleichwohl empfehlen sie in der aktualisierten Leitlinie zur Schmerztherapie einen kritischen Umgang mit Opioiden bei dieser Indikation. Denn Unter-, Fehl- und Überversorgungen mit diesen Schmerzmitteln finden sich auch hierzulande im klinischen Alltag. „Da mit der Verwendung der Schmerzhemmer bei CNTS zahlreiche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schwindel und Müdigkeit einhergehen – und gleichzeitig die Wirkung bei CNTS bei vielen Patienten nur gering ist –, sollte ihr Einsatz, gerade auch wegen des Risikos einer Abhängigkeit, kritisch hinterfragt und überprüft werden“, führte der Schmerzmediziner Prof. Dr. Frank Petzke von der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsmedizin Göttingen aus.

Therapieziele vorher definieren

Bereits in der ersten Version einer Leitlinie zur Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen (LONTS) stand, dass Opioide im Durchschnitt nur geringe Wirkeffekte bei CNTS zeigen und deren Einsatz verantwortungsvoll erfolgen sollte. In der nun überarbeiteten dritten Version seien die Indikationen für eine Opioidbehandlung von mehr als vier Wochen bei chronischen Rücken- und Arthroseschmerzen weiter eingeengt worden, erklärte Petzke. Behandler und Patienten müssten demzufolge bereits vor Beginn der Behandlung gemeinsam Therapieziele definieren. „Die Leitlinie soll Therapeuten und Patienten bei der individuellen Entscheidung unterstützen, wann Opioide bei chronischen Schmerzen zum Einsatz kommen sollten und wann nicht.“ (red)