Allgemeine Medizin

Leishmaniose: Ansteckung im Urlaub?

Durch den Klimawandel haben es tropische Parasiten fast bis vor unsere Haustür geschafft. Vor allem am Mittelmeer droht Gefahr für Mensch und Hund durch infizierte Sandmücken. Und die Symptome werden oft zu spät erkannt.

19.06.2019
Urlaub mit Hund ist für viele selbstverständlich. Doch in Südeuropa können sich Mensch und Tier mit gefährlichen Erregern infizieren.  Foto: Fotolia / Bill Anastasiou Urlaub mit Hund ist für viele selbstverständlich. Doch in Südeuropa können sich Mensch und Tier mit gefährlichen Erregern infizieren. Foto: Fotolia / Bill Anastasiou

Vor einigen Jahren kursierten Gerüchte, dass sich in Deutschland die Tropenkrankheit Leishmaniose ausgebreitet hätte. Sie wird über eine mit Leishmanien infizierte Sandmückenart, wie die Phlebotomus perniciosus, übertragen. Dieser „Vektor“ nimmt den Erreger im Laufe einer Blutmahlzeit von infizierten Hunden und Nagetieren auf und überträgt diesen dann auf den Menschen.

Risiko in Deutschland gering

Doch Dr. Torsten Naucke, Experte für Parasitologie, Immunologie und Mikrobiologie an der Universität Hohenheim gibt Entwarnung: „Zwar ist diese Sandmückenart bereits in vielen Mittelmeerländern bis nach Südtirol hoch heimisch, doch eine Gefahr für eine Leishmaniose bei Menschen hier in Deutschland ist dennoch gering.“ Die Sandmücken seien extrem empfindlich, bräuchten ein warm-feuchtes Klima und vertrügen keinen Wind, so der Experte. „Die wenigen Leishmaniose-kompetenten Exemplare, die es vor ein paar Jahren bis an den Rhein geschafft hatten, sind mittlerweile ausgestorben.“

Camper im Urlaub gefährdet

Allerdings sei die Gefahr, sich im Urlaub in diesen Regionen damit anzustecken, durchaus realistisch, warnt Naucke. „Vor allem Camper in der Nähe von Bäumen und Büschen sind gefährdet. Denn die Sandmücken brauchen Zucker, um sich zu entwickeln. Den bekommen sie zum Beispiel, indem sie dort sitzende Blattläuse anzapfen. Danach sind die Mücken reif für ihre erste Blutmahlzeit.“
Hunde und Menschen sind als Wirt sehr gefragt. Nur zwei Millimeter klein können auch Fliegengitter nicht vor ihnen schützen. Besonders tückisch: Die Dauer von der Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung ist mit sieben Jahren recht lang.

Symptome beim Menschen

Bei Entzündungen an Haut und Schleimhäuten wie bei der kutanen und mukokutanen Leishmaniose oder Schwellungen an inneren Organen wie Leber, Milz oder am Knochenmark, wie bei der viszeralen Form der Erkrankung, tappt man dann zunächst im Dunkeln. Unbehandelt kann letztere tödlich verlaufen.
Gefährdet sind vor allem immunschwache Menschen: ältere ab 60 Jahren, Kinder oder HIV-positive.

Hunde leiden besonders

Schlimmer trifft es jedoch die geliebten Vierbeiner, die mit auf Reisen in den Süden gehen. Denn sie können sich weder wie die Menschen durch Repellents vor den Mini-Blutsaugern schützen, noch jemals von der Leishmaniose geheilt werden.
Dr. Haucke schätzt aufgrund von Laborauswertungen, dass in Deutschland mittlerweile 130.000 Hunde infiziert sind. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 waren es lediglich 22.000. „Die meisten davon werden aus dem Mittelmeerraum importiert, weil hierzulande zu wenige Hunde gezüchtet werden“, weiß der Forscher. Aber auch die Infektionen von bereits in Deutschland lebenden Hunden während eines Kurzaufenthalts im Risikogebiet nehmen zu. Besonders anfällig sind Huskys und Golden Retriever, während Galgos, die spanischen Jagdhunde, eine Art Immunität gegen Leishmanien entwickelt haben. Eine direkte Übertragung vom Hund auf den Menschen ist nicht möglich.

Symptome beim Hund

Auch bei Hunden beginnt die Erkrankung schleichend und symptomlos innerhalb von sieben bis zehn Jahren. „Danach kann es zu Entzündungen mit Krustenbildungen um Augen und Maul kommen. Typisch sind auch besonders lange Krallen“, erklärt Prof. Dr. Cornelia Silaghi vom Friedrich Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Greifswald/Insel Riems.
Nach der Diagnose beginnt meist eine lebenslange Therapie mit Medikamenten, die auch zu Nierenschädigungen führen kann. Eine starke Belastung für Mensch und Tier. Dank eines von Dr. Naucke entwickelten Therapieprogramms halten sich die damit verbundenen Kosten im Rahmen. Anders als bei der Mittelmeertherapie, wo teils Therapiekosten von bis zu 2000 Euro im Jahr entstehen, kommen die Hundebesitzer hier mit 100 Euro pro Jahr aus.

Schutz noch nicht möglich

Da es bislang noch keinen Schutz für Hunde gibt, rät Prof. Dr. Silaghi deshalb sogar dazu, den Hund lieber bei Freunden oder Familie zu lassen, als sie in gefährdete Regionen mitzunehmen. Auch sollte man Hunde, die man in Mittelmeerländern kauft, vorher auf eine Infektion untersuchen lassen.
Ob der Klimawandel dazu führt, dass die Sandmücken irgendwann doch die Alpen überwinden, kann man jetzt noch nicht vorhersagen. Dr. Naucke hält dies zum Glück aktuell für nicht sehr wahrscheinlich. (bibi)