Allgemeine Medizin

Coronakrise – die Stunde der Telemedizin

Volle Praxen, verschobene Operationen, zu wenig Schutzmasken – unser Gesundheitssystem kam in der Corona-Hochphase zum Teil an seine Grenzen. Dr. Lutz Reum berichtet über einen Trend, für den diese Krise auch eine Chance bedeutet.

22.06.2020
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Herr Dr. Reum, Sie organisieren seit 2004 den eHealth-Kongress in unserer Region. Warum engagieren Sie sich so sehr für diese Entwicklung?
Als Biochemiker komme ich ursprünglich aus der Diagnostikindustrie. Seit 2004 habe ich begonnen, mich intensiv mit eHealth und der Telemedizin zu beschäftigen. Dabei ist mir bewusst geworden: Es kommt nicht auf die Technik an, sondern auf die Prozesse dahinter. Denn die Technik für die Telemedizin ist da. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch in der Praxis funktioniert. Wichtig ist auch die Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen unter-einander und der Informationsaustausch zwischen den Anbietern und Anwendern solcher Technologien. Aber ich glaube an die Telemedizin. Sie ist ein Tool, das Sinn macht. Und da ich in Hessen wohne, wollte ich eine Informationsplattform schaffen, wo sich alle Beteiligten zusammenfinden und austauschen, wie die Telemedizin alltagstauglich gemacht werden kann, was mit dem eHealth-Kongress gelungen ist.

Wo ist die Telemedizin heute bereits nicht mehr wegzudenken?
Tolle Projekte auf regionaler Ebene sind etwa die digitalen Schlaganfall-Netzwerke in Bayern. Experten beurteilen per Videokontakt den Zustand von Patienten in Krankenhäusern ohne Neurologische Abteilung, um die beste Therapie zu finden. Telemedizin wird heute auch in weiteren Bereichen angewendet, zumal das Fernbehandlungsverbot 2018 aufgehoben wurde und die Vergütung für Ärzte geregelt wurde. Beispiele sind der TeleArzt, hier kann die Medizinische Fachangestellte beim Hausbesuch eines Patienten direkt Vitaldaten (Blutdruckwerte, Glukosewerte, EKG etc.) zum Hausarzt übertragen und bei Bedarf diesen per Videoübertragung zuschalten. Die elektronische Videosprechstunde bietet dem Patienten die Möglichkeit, von zu Hause aus den Arzt zu kontaktieren. Er kann entscheiden, ob ein Praxisbesuch notwendig ist oder nicht. Dies ist bei einer postoperativen Nachversorgung nützlich, auch um unnötige Fahrten zu vermeiden.

Wie können eHealth-Lösungen in der aktuellen Pandemie-Lage noch helfen?
Hier wird ja gerade empfohlen, bei Verdacht auf eine Infektion nicht sofort die Arztpraxis aufzusuchen. Über die Notrufnummer 116 117 kann der ärztliche Bereitschaftsdienst erreicht werden. Dort werden Patienten beraten, bevor sie in die Praxis gehen. Psychotherapeuten halten Video-Sprechstunden ab, um das Ansteckungsrisiko für ihre Patienten zu senken und trotzdem für sie da zu sein. Ärzte und Politiker kommunizieren per Videokonferenz über das weitere Vorgehen. Risikogruppen wie Diabetiker können ihre Blutzuckerwerte per App an den Arzt senden, die EKG-Werte von Herzkranken werden digital übertragen und fernmündlich ausgewertet. Das ist großartig! Der Prozess der Digitalisierung im Gesundheitswesen, der sich zuvor über Jahre hingeschleppt hat, wird in der Krise wie selbstverständlich gelebt – und zwar von Ärzten und Patienten und von heute auf morgen. Ich denke, davon bleibt auch nach der Coronakrise etwas erhalten. Und das ist eine Chance. In Nordrhein-Westfahlen gibt es seit Kurzem das „Virtuelle Krankenhaus“. Dort kann über eine Telekonsil-Anfrage direkter Kontakt mit Experten der Unikliniken in Aachen oder Münster hergestellt werden. Ganz aktuell in der Coronakrise können sich kleinere Einrichtungen, die Beatmungsgeräte, aber keine Expertise haben, diese per Video-Konferenz ins Haus holen. Durch die telemedizinische Unterstützung konnte ein Großteil der Verlegungen vermieden werden, sodass die Patienten weiter heimatnah versorgt werden konnten. Davon profitieren letztlich vor allem die Patienten.

Wo sehen Sie die Grenzen der Telemedizin?
Häufig scheitert der Einsatz von Telemedizin noch an dem ungenügenden Ausbau des Breitbandnetzes für die Datenübertragung. Vor allem auf dem Land. Auch muss die Datenübertragung sicher sein. Die aktuelle Telematik-Infrastruktur ist ein gutes Tool, den Datenschutz einzuhalten. Einen absoluten Schutz wird es nicht geben. Am Ende ist es eine Vertrauensfrage: Arzt und Patient müssen diesem System auch ein stückweit vertrauen, um es zu nutzen. Wir müssen uns aber auch fragen, wie wir mit Problemen umgehen, wie etwa bei dem Hackerangriff kürzlich auf die Universität Gießen. Wie sicher kann man ein System machen? Ganz wichtig ist auch, dass solche Formate in den normalen Ablauf einer ärztlichen Praxis oder in den Klinikalltag passen. Telemedizinische Anwendungen müssen basierend auf allgemeinen Standards in die Praxis- und Krankenhausinformationssysteme integriert werden.
Viele erfolgversprechende Projekte schaffen es heute aber nicht in die Regelversorgung, oft auch durch lange Genehmigungsverfahren. Dadurch können diese guten Ansätze mit dem schnelllebigen technischen Fortschritt nicht mithalten.
Sicher ist die Telemedizin kein Allheilmittel und sie wird keinesfalls die Ärzte ersetzen. Aber die digitale Welt schreitet weiter voran. Deshalb sollte man ihre Möglichkeiten auch im Gesundheitswesen nutzen. Und in der Coronakrise hat sich gezeigt, dass das funktioniert. (bibi)