Allgemeine Medizin

Akutes Nierenversagen durch Covid-19?

Das neuartige Corona- Virus kann nicht nur die Lunge schädigen, sondern auch die Funktion anderer Organe beeinträchtigen. Ein Totalausfall würde die Lebenszeit verkürzen.

17.01.2021
Die Nieren: lebenswichtige Blutfilterorgane.  Foto: AdobeStock/SciePro Die Nieren: lebenswichtige Blutfilterorgane. Foto: AdobeStock/SciePro
Dr. med. Tanja Schlereth

Priv.-Doz. Dr. med. Tanja Schlereth
Oberärztin Neurologie
DKD Helios Klinik
Wiesbaden



Corona siedelt sich vor allem in der Lunge an und löst dort Entzündungsprozesse aus, die die Funktion des Organs stark beeinträchtigen können. Laut Forschenden des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) kann sich das gefährliche Virus auch in anderen Organen vermehren, etwa in den Nieren. Das wurde in einer Studie nachgewiesen, die im Fachmagazin „The Lancet“ erschien. COVID-19-Patientinnen und -Patienten, bei denen in den Nieren der COVID-19-Erreger nachweisbar war, hatten überdies ein höheres Risiko für ein akutes Nierenversagen und eine kürzere Überlebenszeit.

Schneller Virenanstieg

Für ihre Studie haben die Forschenden Obduktionen von 63 überwiegend älteren Patientinnen und Patienten mit einer COVID-19-Infektion und Vorerkrankungen ausgewertet. Das Ergebnis: In 60 Prozent der untersuchten Nieren hat das Team den COVID-19-Erreger gefunden.
In ihrer aktuellen Studie konnten die Forscher zeigen, dass der Nachweis dieser Erreger in den Nieren von erkrankten Patienten mit einem erhöhten Risiko für ein akutes Nierenversagen einhergeht: Bei den Betroffenen entdeckten die Wissenschaftler das Multiorganvirus in diesem Organ in 72 Prozent der Fälle.
Bei Patienten ohne akutes Nierenversagen fand sich der Erreger hingegen nur in 43 Prozent der Fälle. „Dies ist ein Erklärungsansatz für das häufige Nierenversagen bei einer COVID-19-Infektion, das zu den wesentlichen Sterblichkeitsfaktoren zählt“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Tobias B. Huber, Direktor der III. Medizinische Klinik und Poliklinik (Nephrologie, Rheumatologie, und Endokrinologie). „Es ist uns zudem gelungen, den SARS-CoV-2-Erreger aus der Niere eines verstorbenen Patienten zu isolieren. Innerhalb von 48 Stunden hat sich der Erreger in Nierenzellen 1000-fach vervielfältigt“, sagt Co-Studienleiter Prof. Dr. Martin Aepfelbacher, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene. „Unsere Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass sich der SARS-CoV-2-Erreger auch in anderen Organen als der Lunge aktiv vermehren kann.“

Andere Organe früher testen

Darüber hinaus entdeckten die Forschenden einen Zusammenhang zwischen dem Nachweis des Virus in der Niere und der Überlebenszeit der an COVID-19 verstorbenen Patienten. „Aus dieser und anderen Studien können wir lernen, dass man frühzeitig auf Organbeteiligungen bei einer COVID-19-Infektion achten muss. Im Fall der Niere ist dies durch Urintests möglich“, so Prof. Huber.
An der Studie waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik, dem Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene, der Klinik für Intensivmedizin und dem Institut für Rechtsmedizin des UKE beteiligt. (red)