Sport, Knochen und Gelenke

Mit Antibiotika gegen Rückenschmerzen?

Diese Medikamente sollten nur gezielt eingesetzt werden, sonst drohen Resistenzen. Bei einer speziellen Form der Kreuzschmerzen können sie aber viel bewirken.

12.06.2018
Kreuzweh: Auch Bakterien können die Auslöser sein.   Foto: AdobeStock / mangostock

Die Ursachen von Rückenschmerzen sind komplex. Doch ungefähr die Hälfte der Patienten mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken zeigt bei Untersuchungen im MRT Ödeme im Knochenmark, sogenannte „modic changes“.
Die dänische Forscherin Dr. Hanne Albert fand heraus, dass sich wiederum in der Hälfte dieser Gewebeproben, die diesen Ödemen entnommen wurden, Bakterien befinden, zum größten Teil Propionibacterium acnes, ein langsam wachsendes, anaerobes Bakterium. Es gehört zur natürlichen Mundflora und kann zum Beispiel über kleine Verletzungen, die etwa beim Zähneputzen entstehen, in den Blutkreislauf gelangen.
Bei einem Bandscheibenvorfall tritt Gewebe in die Umgebung der Wirbelsäule aus. Darin bilden sich neue Blutgefäße. So gelangen die Bakterien schließlich ins Innere der Bandscheibe und verbleiben dort. Dort können sie selbst nach einer Ausheilung des Bandscheibenvorfalls eine Entzündung und ein Knochenödem mit Schmerzen verursachen.

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Schmerzen stillen

So kam Dr. Albert auf die Idee, in einer Pilotstudie zu testen, ob Antibiotika gegen den Bakterienbefall und damit auch gegen die Rückenschmerzen der Patienten wirken können.
Bereits diese erste Studie zeigte eine deutliche Verbesserung – sowohl der Schmerzsymptome als auch der funktionellen Beschwerden der Patienten. Weitere randomisierte, placebo-kontrollierte Studien bestätigten das Ergebnis. Dabei erhielten die Patienten über einen Zeitraum von 100 Tagen dreimal täglich 1000 mg des Antibiotikums Amoxicillin. Erste Effekte zeigten sich nach sechs bis acht Wochen und setzten sich über einen Beobachtungszeitraum von einem Jahr fort, in einer weiteren Studie über zwei Jahre.

Mit Bakteriennachweis

Das bedeutet jedoch nicht, dass nun alle Patienten mit Schmerzen im unteren Rücken mit Antibiotika behandelt werden sollen. Dr. Hanne Albert: „Aber diejenigen mit ‘modic changes’, bei denen Bakterien eine Rolle spielen, profitieren enorm.“ Ein neuer Ansatz in der Schmerzmedizin, der das Leiden von Millionen Menschen lindern und Kosten aufgrund von Arbeitsunfähigkeiten und Frühverrentungen einsparen könnte. „Hanne Albert hat mit ihrer bahnbrechenden Arbeit schmerzmedizinische Denkweisen nachhaltig verändert und eine neue Diskussionsbasis zum Verständnis von chronischen Rückenschmerzen geschaffen“, so Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin in seiner Laudatio zum Deutschen Schmerzpreis 2017, den die dänische Forscherin dafür erhalten hat. (red)