Gehirn, Psyche und Verhalten

Negative Gefühle erschweren die Abstinenz

Emotionen – und wie man sie verarbeitet – spielen bei Suchtkranken eine große Rolle. Individuelle Therapien können dabei helfen.

04.02.2018
Kinder reden nicht viel über Erlebtes, aber sie malen es genau.  Foto: Adobe Stock / czarny_bez

Etwa 1,9 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig. Doch selbst wenn sie sich irgendwann für einen Entzug entscheiden, fällt es ihnen häufig schwer, danach angemessen mit Alkohol umzugehen. Offenbar fehlt ihnen die Fähigkeit, negative Gefühle gut zu verarbeiten. Das zeigten unlängst Forschungsergebnisse der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

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Hohe Rückfallrate

Die Rückfallrate von Alkoholkranken liegt in den ersten Monaten der Abstinenzphase bei 50 bis 80 Prozent. „Die Ursachen hierfür sind sehr komplex und nicht bei jedem gleich“, weiß Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Katrin Charlet von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. „Zwar kämpfen fast alle Suchtkranken mit negativen Emotionen. Das ist aber per se nicht die Ursache für den Rückfall.“ Entscheidend sei, wie gut die Betroffenen negative Emotionen verarbeiten können, erklärt Charlet die Ergebnisse ihrer Studie. „Wir vermuten, dass Alkoholabhängige im Vergleich zu nicht abhängigkeitskranken Menschen Schwierigkeiten in der Wahrnehmung emotionaler Gesichtsausdrücke zeigen. Sie berichten vermehrt über zwischenmenschliche Probleme.“

Fehlende Regulationsmuster

Um den Ursachen des Rückfallrisikos auf den Grund zu gehen, hat Charlet Emotionsexperimente bei mehr als 150 entgifteten, alkoholabhängigen Patienten durchgeführt und mit gesunden Menschen verglichen. „Mittels funktioneller und struktureller Magnetresonanztomographie (MRT) sowie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) konnten wir Aktivierungsmuster zwischen der frontalen Großhirnrinde und dem limbischen Emotionszentrum identifizieren, die negative Emotionen, wie etwa Angst oder Wut, verarbeiten und vermutlich auch regulieren“, erläutert die Wissenschaftlerin. Patienten, bei denen diese Hirnleistungen intakt sind, blieben in den ersten kritischen sechs Monaten nach der Entgiftung abstinent. Patienten, bei denen diese Hirnareale gestört waren, das heißt nur geringe Hirn-Aktivitäten aufzeigten, fiel es im Vergleich dazu schwer, Gefühle wie Angst und Wut zu regulieren. Sie wurden häufiger rückfällig.
„Anhand dieser Aktivitätsmuster im Hirn könnte es zukünftig möglich sein, abstinente von rückfälligen Patienten zu unterscheiden“, erläutert Charlet den Fortschritt. Im Gegensatz zu Standard-Programmen können alkoholabhängige Patienten so im Rahmen einer personenzentrierten Versorgung mit spezialisierten Therapien vor Rückfällen geschützt werden. (red)