Gehirn, Psyche und Verhalten

MS: Welche Rolle spielt das Salz?

Das Immunsystem funktioniert nicht immer perfekt. Das ist auch bei Multipler Sklerose der Fall. Forscher fahnden nach den
Ursachen. Eine davon könnte eine veränderte Darmflora sein.

02.05.2018
Salz hat Einfluss auf die Darmflora.  Foto: Fotolia / bit24

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) ist für Betroffene ein Schock. Denn noch immer ist die „Krankheit der 1000 Gesichter“ nicht heilbar. Medikamente und eine Anpassung des Lebensstils können das Fortschreiten der chronisch-entzündlichen Erkrankung nur minimal beeinflussen, nicht aber verhindern. Deren Verlauf und Symptomatik sind von Patient zu Patient unterschiedlich. Besonders bitter: Vor allem junge Erwachsene sind davon betroffen.
Zu den Symptomen gehören Muskelschwäche und Lähmungen, Krampfanfälle und Gefühlsstörungen. Mögliche Therapien zielen vor allem darauf ab, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten.

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Nerven ohne Schutz

„Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der fehlgeleitete Immunzellen körpereigene Zellen im Gehirn und Rückenmark befallen“, erklärt Professor Hartmut Wekerle, Seniorprofessor vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Dies führe in den betroffenen Nervenzellen zum Abbau der Hüllschicht und schädigt die Nervenfasern, sodass Nervenreize nicht mehr korrekt weitergeleitet werden können.
Zu den Auslösern gehören bestimmte T-Lymphozyten, die Rezeptoren für Hirn- und andere Nervenzellen haben. „Solche potenziell autoaggressiven T-Zellen hat jeder Mensch, doch nicht alle erkranken an MS“, so der Mediziner und Immunbiologe. Was also weckt diese schlafenden Immunzellen, und was aktiviert deren selbstzerstörerisches Potenzial?

Ursachen auf der Spur

Aus Zwillingsstudien weiß man, dass sowohl genetische Gründe als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Es gibt Hinweise auf Rauchen, ein Defizit an Sonnenlicht und Vitamin D als Ursache. Aber auch die Darmflora ist im Visier der Wissenschaftler. „Die bakterielle Besiedlung der Darmflora könnte ein Auslöser sein“, vermutet Wekerle. Faktoren, die sich wie Stress, Antibiotika und Ernährung auf den Darm auswirkten, seien aus diesem Grunde krankheitsrelevant. „Mittlerweile gibt es zahlreiche Diäten für MS-Patienten, doch sind die wenigsten davon wissenschaftlich getestet“, bedauert Wekerle.
Eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang spiele Kochsalz. Im Mausmodell zeigte sich, dass eine salzreiche Ernährung vor MS schützen kann. Das Salz wirke sich dabei nicht direkt über das Immunsystem, sondern über den Darm aus. In Japan, wo man heute deutlich weniger Salz isst als noch in der traditionellen Küche, seien die MS-Raten in den letzten Jahren dramatisch angestiegen. Vom hemmungslosen Einsatz des Salzstreuers rät Wekerle trotzdem ab, dafür seien die Zusammenhänge noch viel zu unklar. Auch vor einer „Fäkaltransplantation“, wie sie diskutiert wird, warnt der Wissenschaftler. (red)