Augen, Nase und Ohren

Neuro-Musiktherapie bei Tinnitus

Unerwünschte und leider unüberhörbare Töne im Ohr entstehen nicht nur im Hörzentrum des Gehirns. Auch andere Hirnanteile scheinen eine Rolle zu spielen.

24.01.2018
Kontrolle über lästige Ohrgeräusche zurückgewinnen.  Foto: Adobe Stock / Sergey Nivens Foto: Fotolia / Nikolai Titov

Tinnitus, die permanenten, unangenehmen Ohrgeräusche, gehören mit derzeit mehr als einer Million potenziell behandlungsbedürftiger Patienten zu den häufigsten Erkrankungen im HNO-Bereich. Die Töne im Ohr zu überhören, ist unmöglich.
Im Gegenteil. Chronischer Tinnitus ist für die Betroffenen sehr belastend und kann zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen im Alltag führen. Dazu gehören psychologische Auffälligkeiten wie Aufmerksamkeitsstörungen, Ängstlichkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Depressionen.
Die Ursache dafür ist keine Erkrankung des Ohrs, sondern eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Gehirn. Bildgebende Verfahren können das nachweisen.

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Heidelberger Modell

Insbesondere bei chronischem Tinnitus ist jedoch ein multidimensionales, interdisziplinäres Behandlungskonzept notwendig. Aus diesem Grund haben das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung, die Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik Heidelberg und die Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Universität Homburg die Wirkung der Neuro-Musiktherapie erforscht. Deren Effektivität wurde mittlerweile in sechs wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, u.a. mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT).
Bei rund 80 Prozent der Patienten konnte man damit langfristig den Tinnitus zuverlässig bessern bzw. ganz auflösen.
Die Ergebnisse der EEG-Daten bestätigen die Ergebnisse der psychologischen Fragebögen, wonach die Patienten ihr Gehör nach der Therapie subjektiv besser steuern können und ihren Tinnitus deutlich weniger pene trant wahrnehmen.
Die Forscher fanden heraus, dass Tinnitus nicht ausschließlich das Ergebnis einer fehlerhaften Verarbeitung von Geräuschen im Gehirn ist, wie man lange Zeit annahm. Vielmehr zeichnete sich anhand von Gehirnaufnahmen mit Kernspintomographen ab, dass auch Gehirnstrukturen, die nicht vorrangig für den Gehörsinn verantwortlich sind, sowie aufmerksamkeitsrelevante Areale die Entstehung des Tinnitus mit bedingen.

Einfluss zurückgewinnen

Kernstück des musiktherapeutischen Behandlungskonzepts ist die Einbettung des Tinnitus in einen musikalisch steuerbaren Hörprozess. Dazu wird zu Beginn der Therapie für jeden Patienten mittels eines Synthesizers ein individueller tinnitus-ähnlicher Klang bzw. Rauschen erstellt. Dieser Klang wird dann aktiv und/oder rezeptiv musiktherapeutisch eingesetzt. Die Patienten werden dadurch in die Lage versetzt, Kontrolle über ihren Tinnitus auszuüben und ihn bewusst zu regulieren.
Darüber hinaus werden mittels aktiver musikalischer Hörübungen und durch den gezielten
Einsatz von akustischen Reizen (sogenannte „Tinnitus-Dekonditionierung“) die veränderten Gehirnregionen positiv reaktiviert und zu einer „Normalisierung“ geführt.

Ursache und Therapie

Dieses „Heidelberger Tinnitus-Konzept“ ist mittlerweile gut erprobt und wird nicht nur in der Tinnitusambulanz des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung als Kompakttherapie mit je zwei bis drei Einheiten Einzeltherapie angeboten.
Dabei lernen die Patienten, sich mit dem Tinnitus auseinanderzusetzen, statt ihn zu überhören. Ebenfalls erfahren sie, wie man die Steuerungsprozesse der Hörbahn trainiert und körperliche Reaktionen vom Ohrgeräusch entkoppeln kann.

Belastung minimieren

Ziel der Behandlung des Tinnitus mit einer Neuro-Musiktherapie ist eine spürbare Reduzierung der Symptomatik, die bessere Stressbewältigung und das Zurückdrängen psychischer Belastungsfaktoren, wie Konzentrationsstörungen und Schlafprobleme. Auch die Aufmerksamkeits- und Hörleistung soll schließlich verbessert und die Krankheit „geheilt“ statt lediglich bewältigt werden.
Die Neuro-Musiktherapie bleibt aber trotz der guten Studienlage eine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Ein Nachfragen bei der Krankenkasse, wegen einer Kostenübernahme im Vorfeld der Behandlung, lohnt sich trotzdem. (red)