Augen, Nase und Ohren

Neues Testsystem für schwerhörige Kinder

Hörstörungen im Kindesalter bleiben oft unentdeckt. Das wirkt sich auch auf den Spracherwerb und das Lernen in der Schule aus. Forscher haben ein mobiles Messsystem entwickelt, das die Diagnose verbessert.

25.02.2019
Bisher werde das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt viel zu selten untersucht, findet Prof. Dr. med. Karsten Plotz von der Jade Hochschule.  Foto: Eberhard Petzold Bisher werde das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt viel zu selten untersucht, findet Prof. Dr. med. Karsten Plotz von der Jade Hochschule. Foto: Eberhard Petzold

Wie gut oder schlecht ein Kind hört, hat entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Sprache. Auch der soziale und emotionale Entwicklungsprozess hängt von einem gesunden Hörvermögen ab. Doch wie kann man das prüfen? Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt nämlich nur zu zwei Zeitpunkten untersucht: zwei Tage nach der Geburt (Universelles Neugeborenen Hörscreening, UNHS) und im Vorschulalter. Dieses zweite Hörscreening erfolgt mit rund viereinhalb bis fünf Jahren bei der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung U8 und bei der öffentlich geregelten Schuleingangsuntersuchung (SEU). Das aber reiche nicht aus, finden Professor Dr. med. Karsten Plotz und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Katharina Schmidt von der Jade Hochschule in Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth. Zudem seien die gängigen Methoden nicht geeignet, um die alterstypischen Hörprobleme zu erkennen. In dem neuen Forschungsprojekt „Perzeption und Lokalisation binauraler Information bei Kindern (PLOBI2go)“ entwickeln die Wissenschaftler jetzt ein mobiles System, um das Hörvermögen von Kindern verlässlich, kindgerecht und automatisiert zu überprüfen.

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Hörstörungen im Kita-Alter

Erkältungsbedingte Mittelohrprobleme („Paukenergüsse“) treten bei etwa 80 Prozent der kleinen Kinder auf. „Ein Paukenerguss tut nicht weh, daher sagen Kinder manchmal nichts und die Hörstörung bleibt unerkannt. Und das, obwohl ein Hörverlust von 20 bis 30 Dezibel damit einhergeht – so als würde man sich die Ohren zuhalten“, erklärt Karsten Plotz, der zusätzlich auch als Facharzt für Pädaudiologie tätig ist. Wenn diese Hörstörungen über eine längere Zeit oder wiederholt auftreten, können sie Auswirkungen auf die Hörentwicklung haben. „10 bis 20 Prozent der Kinder weisen bei der Einschulung eine chronische Mittelohr-Schwerhörigkeit auf“, berichtet der Wissenschaftler. „Dieser hohe Anteil verdeutlicht die Relevanz des Themas.“ Derartige Hörprobleme könnten massive Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, den Lese- und Schriftspracherwerb und das Verhalten haben und so zu Schulproblemen oder -ängsten führen.

Binaurales Hören im Freifeld

Das Screening bei der Vorsorgeuntersuchung U8 ermittelt die Hörschwelle – also diejenige Lautstärke, ab der ein Kind ein sehr leises Geräusch gerade wahrnehmen kann. Aus Sicht der Wissenschaftler der Jade Hochschule wäre es ergänzend jedoch besonders wichtig, die Reife des beidohrigen (binauralen) Hörens zu überprüfen. „Das binaurale Hören ist beispielsweise notwendig, um informationstragende, akustische Reize von solchen zu trennen, die störend sind“, erklärt Katharina Schmidt. Zudem sei das Hören mit beiden Ohren Voraussetzung, um die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, zu erkennen. „Besonders wichtig ist das Richtungshören unter anderem für die Sicherheit im Alltag, weil mögliche Gefahrenquellen beispielsweise im Straßenverkehr besser geortet werden können“, sagt die Wissenschaftlerin, die derzeit zu diesem Thema promoviert. „Oder um Gesprächen in einer geräuschvollen Umgebung folgen zu können.

Was heißt „normal“?

Ein weiterer Kritikpunkt an derzeitigen Hörtests ist die unzureichende Definition von Normalhörigkeit. Alle Referenzwerte beziehen sich auf Erwachsene, und auch hier gibt es viele verschiedene Definitionen. „Es ist methodisch falsch, von „Normalhörigkeit“ zu sprechen“, sagt Plotz. „Denn erstens ist diese für Erwachsene nicht genau definiert und für Kinder gar nicht. Und zweitens ist das als ‚normales Hören‘ bezeichnete Hörvermögen nicht unbedingt ein gesundes oder gutes Hören.“ Mit dem neuen System soll deshalb nicht die Hörschwelle, sondern im Alltag relevante Hörbereiche untersucht werden.
Zudem werden die gängigen Tests bisher mit Kopfhörern durchgeführt – nicht immer erfolgreich, denn nicht alle Kinder mögen Kopfhörer. Anstatt unter Laborbedingungen sollte das Hören im Freifeld, also unter alltagsnahen Bedingungen, getestet werden.

Kindgerecht, automatisiert, mobil

Damit das neue System PLOBI2go in der Praxis oft eingesetzt wird, muss es flexibel und mobil sein. Es soll auch dort genutzt werden können, wo keine besonderen, schallgedämmten Räume zur Verfügung stehen – zum Beispiel in Kindergärten, Gesundheitsämtern, bei Kinderärzten oder auch in Inklusionsberatungs- oder sozialpädiatrischen Zentren. „Entsprechend muss die Handhabung angepasst werden, zum Beispiel durch eine kindgerechte, automatisierte und intuitive Bedienungsführung“, erklärt Plotz. Gleichzeitig soll eine motivierende, weitgehend selbsterklärende grafische Oberfläche für die Kinder erstellt werden, indem Techniken aus dem Gaming-Bereich genutzt werden. „Und natürlich sollte das neue System robust und leicht transportabel sein.“

Jugendliche testen

Auch die Fördergemeinschaft für Gutes Hören (FGH) fordert, das Gehör von Schulkinder und Jugendlichen regelmäßig zu testen. Vor allem Jugendliche sind eine große Risikogruppe für Hörschäden. Der sorglose Umgang mit Kopfhörern und Co. ist hier weit verbreitet. Leichte Beeinträchtigungen bleiben meist unbemerkt, da sie zunächst kompensiert und durch Gewöhnungseffekte verdeckt werden. Dennoch wirken sie sich zunehmend negativ auf das Konzentrations- und Auffassungsvermögen aus. Durch Hörtests könnte man den Problemen schneller auf die Spur kommen und gegensteuern, so die FGH. Man müsse auch ein Bewusstsein dafür vermitteln, dass Schwerhörigkeit kein alleiniges Altersproblem ist. (red)