Augen, Nase und Ohren

„Anfangs hatte ich tausend Ausreden“

Wenn die Hörleistung abnimmt, dauert es meist lange, bis Betroffene den Schritt zum HNO-Arzt gehen. Ein Erfahrungsbericht von Werner Hagedorn, Vorsitzender des Landesverbands Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten.

05.09.2018
Werner Hagedorn stellte sich irgendwann seiner Schwerhörigkeit.  Foto: Werner Hagedorn Hörgeräte sind heutzutage winzig klein.  Foto: Fotolia / Kzenon Werner Hagedorn stellte sich irgendwann seiner Schwerhörigkeit. Foto: Werner Hagedorn Hörgeräte sind heutzutage winzig klein. Foto: Fotolia / Kzenon

Bis ich beim HNO-Arzt gelandet bin und meine Schwerhörigkeit damit „offiziell“ feststand, verging sehr viel Zeit. Anfangs wollte ich es mir nicht eingestehen und hatte tausend Ausreden, warum ich Vieles plötzlich nicht mehr hören und verstehen konnte. Als meine guthörende Partnerin dann nicht mehr mit mir zusammen fernsehen wollte, weil sie die Lautstärke nicht mehr aushielt und das Thema immer häufiger zum Streitfall wurde, hat mich das irgendwann zum Nachdenken gebracht.

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Umgewöhnung nicht leicht

Mittlerweile bin seit 20 Jahren schwerhörig und trage Hörgeräte; seit zwei Jahren trage ich auf einer Seite ein Cochlea-Implantat. Das ist eine enorme Erleichterung. Trotzdem war es gerade anfangs nicht einfach. Ein Hörtraining mit dem Logopäden hat mir sehr geholfen. Denn viele Geräusche habe ich vorher jahrelang nicht mehr gehört, zum Beispiel das Vogelgezwitscher. Als ich das zum ersten Mal wieder hörte, kamen mir die Tränen. Mein Gehirn war überfordert mit all den neuen Geräuschen. Es musste diese erst wieder neu einsortieren und lernen, welche davon wichtig sind.
Mittlerweile gibt es viele praktische Hilfsmittel, die mir den Alltag erleichtern, zum Beispiel ein Rüttelkissen, das als Wecker dient oder ein Blitzlichtsystem in den Wohnräumen. Wenn jemand an der Tür klingelt, das Telefon läutet oder der Rauchmelder anspringt, sehe ich das anhand der Lichtsignale. Ein weiteres praktisches Hilfsmittel für zuhause ist die Induktionsschleife. Damit kann ich nun zum Beispiel in normaler Lautstärke fernsehen, weil die Hörsignale störungsfrei direkt an mein Hörgerät weitergeleitet werden.

Die richtigen Hilfsmittel wählen

Bei all den Hilfsmitteln kann ich aus Erfahrung nur empfehlen, sich vorher zu informieren und auszuprobieren, was passt. Ein Rüttelwecker, der auch den Partner aus dem Bett schüttelt, mag zum Beispiel für den einen wunderbar sein. Anderen wiederum ist das Geschüttel viel zu stark.
Bei Großveranstaltungen mit Schwerhörigen werden oft Mikrofone eingesetzt, damit immer eine Person spricht und die anderen zuhören. Das wird im Alltag leider oft vergessen. Mit einem Mikrofon diszipliniert man sich selbst und andere, wieder verstärkt an diese Umgangsform zu denken.
Ein weiteres Hilfsmittel für Gesprächsrunden ist ein kleines Mikrofon, das ich auf den Tisch legen kann. Auch dann verstehe ich besser, was andere sagen.

Mit dem Rücken zur Wand

Allerdings ist mit klar, dass ich trotz guter Hilfsmittel in größeren Gesprächsrunden nie mit allen sprechen kann und nicht alles verstehen werde. Wenn viele Personen durcheinanderreden und die Akustik schlecht ist, strengt das Hören besonders an. Meine Partnerin sitzt in solchen Situationen meist neben mir und gibt mir zum Beispiel ein Stichwort, um was es gerade geht. Ein wenig leichter ist es auch, wenn ich am Rand sitze oder mit dem Rücken zur Wand, weil dann schon einmal von hinten keine Nebengeräusche kommen können. Wenn ich mir Gesprächssituationen aussuchen kann, wähle ich ruhigere Orte aus, an denen es nicht so viele Umgebungsgeräusche gibt. (wh)