Allgemeine Medizin

Leber und Bauchspeicheldrüse: Kranke Zellen gezielt behandeln

Mit einem biotechnologischen Transportsystem könnten Wirkstoffe künftig besser und schneller an ihr Ziel kommen – besonders bei schweren, chronischen und schwer behandelbaren Krankheiten.

06.11.2017
Die Oberfläche der winzig kleinen Kügelchen ist mit Molekülen versehen, die nur an ganz bestimmten Körperzellen andocken.  Foto: Rodos Biotarget GmbH

Bei der Behandlung schwerer Erkrankungen wie zum Beispiel Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs ist es besonders wichtig, Wirkstoffe nicht per „Gießkannenprinzip“ im Körper zu verteilen, sondern möglichst direkt in die betroffenen Körperzellen zu bringen.
Ähnlich wie in einem Logistikunternehmen, das Pakete an verschiedene Kunden schickt, ist das im Körper mit Hilfe eines „Navigationssystems“ für Medikamente – einem zellspezifischen Nanotransporter – möglich. Dieses bringt die Wirkstoffe per Nanotransporter an ihr Ziel. Damit sie nicht vorher ausgeschüttet werden, werden sie für diesen Transport im Körper eingekapselt.

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Clevere Container-Technologie

„Die neue Plattform-Technologie ‚TargoSphere‘ besteht aus etwa 100 Nanometer-großen, kugelförmigen ‚Containern‘. Die Wirkstoffe werden je nach ihren Löslichkeitseigenschaften entweder im Inneren dieser Container verpackt oder in die sie umhüllende Membran. Wichtig: Sie werden nicht chemisch gekoppelt und damit modifiziert, sondern liegen dort in einer frei löslichen Form vor.
„Diese Container können dann mit einer Vielzahl unterschiedlicher medizinischer Wirkstoffe beladen werden, darunter therapeutische Peptide und Proteine, RNA- oder DNA-Moleküle und nicht zuletzt auch klassische niedermolekulare Wirkstoffe“, erklärt Dr. Marcus Furch, einer der beiden Geschäftsführer des biopharmazeutischen Unternehmens Rodos Biotarget. Zudem sei es entscheidend, das Transportsystem mit sogenannten Targetingliganden zu versehen. „Dies sind Moleküle, die wie ‚Schlüssel‘ in die ‚Schlösser‘ bestimmter Zellen passen, die mit der Behandlung einer Krankheit im Zusammenhang stehen. Andere Zellen hingegen werden nicht mit Wirkstoffen beliefert“, so Furch weiter. „Sie bleiben also verschont.“

Wirkstoffe klar adressieren

Ein Beispiel: Aus einem Zelltyp der gesunden Leber entstehen unter entzündlichen Bedingungen Myofibroblasten. Diese krankmachenden Zellen produzieren exzessiv Bindegewebskomponenten wie etwa Kollagen. Hieraus wird gesundes Funktionsgewebe der Leber durch funktionsloses Narbengewebe ersetzt. Dies bezeichnet man als Leberfibrose.
Damit Medikamente diesen Prozess hemmen können und deren Wirkstoffe ihr Ziel nicht verfehlen, müssen die Myofibroblasten eine „Adresse“ bekommen. Das ist sogar möglich, da diese Zellen bestimmte Rezeptoren auf ihrer Oberfläche tragen, die auf keinen anderen Zellen des Körpers vorkommen. Darauf können die TargoSphere bestückt mit Targetingliganden für diese Adresse dann zusteuern.
Von diesem Prinzip könnten viele Patienten profitieren, vor allem jene, die derzeit an nur unzureichend behandelbaren, lebensbedrohlichen und chronischen Krankheiten der Leber oder der Bauchspeicheldrüse wie Diabetes leiden. Dadurch ließen sich die Erfolgschancen einer Therapie deutlich verbessern, ist auch Dr. Robert Gieseler-von der Crone überzeugt, der das Unternehmen Rodos Biotarget zusammen mit Dr. Furch leitet.

Erste klinische Studien

Bis diese Technologie jedoch tatsächlich am Markt erhältlichen ist und mit verschreibungspflichtigen Medikamenten und Therapien eingesetzt wird, werden noch Jahre der klinischen Entwicklung vergehen. Eine erste klinische Studie an gesunden Probanden – eine sogenannte Phase I-Studie – wurde jedoch bereits durch die Zulassungsbehörde genehmigt. (red)