Allgemeine Medizin

Amputationen verhindern – aber wie?

Das diabetische Fußsyndrom ist eine Folge von dauerhaft zu hohen Blutzuckerwerten. Vorsorge ist deshalb so wichtig – und kann das Schlimmste verhindern.

22.11.2018
Foto: Adobe Stock / Alexander Raths Foto: Adobe Stock / Alexander Raths

Nach Angaben des Deutschen Gesundheitsberichts Diabetes könnten im Jahr 2018 rund 6,7 Millionen Deutsche unter Diabetes mellitus leiden. Die „Zuckerkrankheit“ zählt zu den Stoffwechselerkrankungen, bei denen die Patienten unter einem chronisch erhöhten Blutzuckerspiegel leiden. Grund ist entweder ein Insulinmangel oder eine Insulinresistenz.
Diabetes verursacht aber auch schwere Folgeerkrankungen, u. a. das diabetische Fußsyndrom, kurz DFS. „Für Diabetiker besteht ein lebenslanges Risiko von 25 Prozent, an diesem Symptom zu erkranken“, sagt Prof. Dr. Stephan Schneider, Chefarzt der Inneren Medizin, Endokrinologie und Diabetologie im St. Vinzenz-Hospital Köln. Erfolgt die Behandlung zu spät, droht die Gefahr einer Amputation des Fußes oder sogar von Teilen des Beines, damit sich eine mögliche Infektion nicht in andere Körperbereiche ausbreitet. Für die Patienten ein Schock und eine große Einbuße an Lebensqualität und Selbstständigkeit.
Doch noch immer kommt es deshalb in Deutschland zu rund 50.000 Amputationen – jedes Jahr! „Unser Ziel besteht immer darin, den Fuß zu retten“, erklärt Prof. Dr. Schneider. „Das erreichen wir vor allem durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit unserer Experten sowie durch unsere von der Arbeitsgruppe Fuß der Deutschen Diabetes Gesellschaft zertifizierte stationäre Fußbehandlungseinrichtung.“

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Hautschäden und Verletzungen

Beim DFS beeinträchtigen Nervenstörungen die Schweißproduktion, sodass die Haut an Beinen sowie Füßen rissig und trocken wird. Damit ist sie anfälliger für Verletzungen. Die eingeschränkte Nervenempfindlichkeit hat zudem erhebliche Komplikationen wie Fehlstellungen, ungleichmäßige Hornhautbildung oder Druckstellen zur Folge. Betroffene bemerken aber wegen des häufig reduzierten Schmerzempfindens die Verletzungen nicht rechtzeitig, wodurch sich diese verschlimmern können.
Hinzu kommt die oftmals beeinträchtigte Immunabwehr von Diabetikern. Durch die schlechtere Wundheilung führen selbst leichte Verletzungen oder Hautschäden zu schweren Erkrankungen wie beispielsweise Geschwüren. Ebenfalls unter den Oberbegriff des diabetischen Fußsyndroms fällt der sogenannte Charcot-Fuß. Hierbei brechen Knochen, die durch die geringere Schmerzunempfindlichkeit zunächst nicht bemerkt werden. Der fuß wird weiter belastet, was das Problem verschlimmert.
Teilweise entstehen im Zuge des DFS sogar chronische Verletzungen, denen Ärzte nicht selten erst durch Amputationen entgegenwirken können.

Ganzheitliche Behandlung wichtig

Das diabetische Fußsyndrom lässt sich leicht durch eine ausführliche Anamnese und bildgebende, gefäßdarstellende Untersuchungen, wie Ultraschall oder eine umfassende Röntgendiagnostik, feststellen. Die Schwere der Fußwunden teilt der Arzt anhand der Wagner-Armstrong-Klassifikation ein. Hierbei handelt es sich um eine Kombination zweier Klassifikationstabellen, die sowohl die Tiefe der Wunde als auch das Ausmaß der Infektion und eine mögliche Durchblutungsstörung erfasst.

Welche Therapie kann helfen?

Zur Behandlung des diabetischen Fußsyndroms gilt es zunächst, die Blutzuckerwerte gut einzustellen. Neben der medikamentösen Intervention mittels Antibiotika oder Schmerztherapie oder der Thrombozytenaggregationshemmung, die der Entstehung von Blutverklumpungen vorbeugt, können bei der Wundbehandlung beispielsweise Vakuum-Saug-Verbände unterstützen. Eine Madentherapie, bei der speziell gezüchtete, sterile Maden zum Einsatz kommen, scheint zunächst ungewöhnlich. Prof. Dr. Schneider erklärt jedoch: „Für die Maden stellen Wundbeläge eine geeignete Nahrungsquelle dar, sodass sie das abgestorbene Gewebe abtragen und die Wunden von Bakterienbefall befreien.“
Sollten die Verletzungen nur schwer verheilen, bieten Hauttransplantationen eine Linderung für Betroffene. Zur Behandlung von instabilen Brüchen dient neben Operationen der Einsatz des Fixateurs externe, einer Art äußerer Haltevorrichtung, mit der die betroffenen Knochenstrukturen des Fußes und der Sprunggelenke stabilisiert werden. Befindet sich das DFS bereits in einem fortgeschrittenen Stadium einer Durchblutungsstörung, können eine Bypass-Operation an den arteriellen Gefäßen der Beine oder gefäßerweiternde Eingriffe, wie beispielsweise die sogenannte Stentimplantation, eine Amputation häufig vermeiden. Bei der Stentimplantation stabilisiert eine Art Röhrchen aus Metall oder Kunstfasern die verengten Gefäße.

Vorbeugen – es geht

Eine interdisziplinäre und individuelle Behandlung gibt Betroffenen ihre Lebensqualität zurück. Um die Entstehung eines Rückfalls zu vermeiden, gilt es für Diabetiker einiges zu beachten, wie beispielsweise die regelmäßige Untersuchung der Füße und des Schuhwerks. Neben dem Einsatz von speziellem Schuhwerk oder Gehhilfen sind regelmäßige podologische Behandlungen ein wichtiger Bestandteil der Vorsorgestrategie. „Der Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung des DFS liegt in einer frühzeitigen Anamnese sowie ausreichenden Vorsorgeuntersuchungen“, bestätigt auch Prof. Dr. Schneider. (red)